Ohne Netz

„Früher hat man halt das genommen, was da war. Das war auch nicht viel besser.“ Jetzt geht sie nach der Arbeit noch zu Netto, „Obst und so“ kaufen. Das kann sie aber unmöglich einen Fortschritt nennen. Wo ist es also, das bessere Leben nach dem Abitur?

Das weiß Alina noch nicht so richtig. Wir sitzen mit MacBook und Bionade im Berliner Büro der Roland Berger Stiftung und unterhalten uns über ihr Leben nach dem Abitur – ihr momentanes und noch kommendes. Und wie die Stiftung sie dabei unterstützt hat.

Mit ihren 19 Jahren wirkt sie schon sehr erwachsen. Als Veganerin passt sie ins „alternative Berlin“. Das hat den Vorteil, dass sie schon früh selbstständig werden musste, da sie selbst viel für sich kochen musste, sich selbst versorgen musste – es sollten sich ja nicht alle umstellen, nur weil sie sich auf einmal vegan ernährt.

Alina weiß sich auszudrücken, spricht sehr überlegt. Ob sie Schulstress hatte? „Nö. Ich wusste ganz genau, dass ich keinen Numerus Clausus brauchte, und auch ohne mich hinzusetzen einen Abiturdurchschnitt von 1,4 schaffen würde.“ Bei ihr lief vieles ohne Probleme. Sie weiß sich durchzusetzen – auch wenn sie relativ klein ist. Aber das stört sie nicht, da steht sie drüber.

„Ohne Netz, schreibe ich meiner Freundin manchmal Briefe“, sagt Alina und fügt weiter hinzu: „Dinge, die man Zuhause als selbstverständlich empfunden hat, sind in meiner Situation ein Luxus“, und nimmt damit Bezug auf das fehlende Internet in ihrer Wohnung. Zurzeit absolviert die frischgebackene Abiturientin ein Praktikum als Online-Redakteurin bei der Aktion „Netz gegen Nazis“ der Antonio-Amadeu-Stiftung und lebt bei ihrer Tante und ihrem Onkel in Berlin-Pankow. Eine eigene Wohnung kann sie sich nicht leisten, dennoch wirkt sie mit ihrer Situation zufrieden. So viel Glück wie sie haben nicht alle angehenden Studenten bei der Wohnungssuche. Bei vielen Hochschülern scheitert die Einschreibung für das neue Semester an der Wohnungssituation in den jeweiligen Unistädten. Als Praktikant oder Student ist es noch schwieriger eine geeignete Bleibe zu finden, da man kein festes Einkommen vorweisen kann und meist keine freie Zeit zum „Jobben“ hat. Da die Lebensunterhaltskosten und Mieten in Deutschlands Großstädten immer höher werden, ist ein „Mini-Job“ jedoch von elementarer Wichtigkeit.

Durchschnittlich beträgt der aktuelle Mietpreis für eine 1,5 bzw. 2 Zimmer Wohnung in der Bundeshauptstadt zwischen 400 und 650 Euro – Tendenz steigend.

Darüber wurde auch in dem Seminar „Abi – Was dann?“ gesprochen, mit dem die Roland Berger Stiftung ihre Stipendiaten auf das „Leben danach“ vorbereiten will. Ein Thema, das dankbare Zuhörer fand, denn alle Studenten – von welchen Universitätsstädten sie auch kamen – hatten Schwierigkeiten, eine Wohnung zu finden, bzw. das Dach über dem Kopf überhaupt zu finanzieren. Sie haben Anträge beim BAföG-Amt eingereicht, haben sich um Stipendien beworben und kämpfen sich jetzt mehr schlecht als recht von Tag zu Tag.

Alina hatte großes Glück. Sie hatte die Roland Berger Stiftung an ihrer Seite. „Abi – Was dann?“ war nicht das einzige Seminar zu diesem Thema. Studienberatung – Selbstmanagement – die Mutmacher. All diese Angebote unterstützen die Stipendiaten in ihrer Zeit als Schüler und bereiten sie auf das spätere Leben vor. Beim Selbstmanagement lernt man etwa, wie man sich seine Ziele stecken muss, damit man sie dann irgendwann auch wirklich erreicht. Dazu nimmt sich die Referentin nicht nur in den Seminaren Zeit, sondern auch in persönlichen Gesprächen mit den Stipendiaten – so wie sie das eben auch bei Alina getan hat. Und wenn man Fragen zum Studium hat, kann man sich an die Alumni der Roland Berger Stiftung wenden, alle selbst studierende Ex-Stipendiaten, zu denen jetzt auch Alina gehört.

Aber das ist nicht das einzige, was Alina noch mit der Roland Berger Stiftung verbindet. Neuerdings begleitet sie auch Seminare der Stiftung als „Betreuerin“ für die kleineren „Stipis“, wie die Stipendiaten liebevoll genannt werden.

Die junge Frau hat ein erklärtes Ziel: Sie möchte Kulturreflexion und Philosophie an der Universität Witten-Herdecke studieren. Und Alina steuert fest entschlossen auf dieses Ziel zu.

Nicht alle Stipendiaten wissen schon so früh und so sicher, welchen Weg sie nach dem Abitur einschlagen wollen. Sie müssen sich erst einmal einen Überblick über die vielen Möglichkeiten verschaffen, die ihnen plötzlich offen stehen: Man kann direkt  an die Uni gehen, eine Ausbildung beginnen, ein freiwilliges soziales Jahr absolvieren und noch vieles mehr. Wie nur soll man sich bei dieser Vielfalt entscheiden? Kann man sich schon so früh festlegen? Jede Entscheidung für etwas ist doch immer auch gleichzeitig eine Entscheidung gegen etwas anderes. Aber welche Entscheidung ist die Richtige?

Alina zweifelt keinen Moment. Sie hat ihr Ziel weiterhin ganz klar vor Augen – das Studium an der Universität Witten-Herdecken. Denn heute nimmt sie nicht mehr nur dankbar das an, was ihr gegeben wird, sondern besorgt sich eigenständig auch alles, was sie sonst noch braucht. Und irgendwann auch nicht mehr nur von Netto.

von Hannes Dietrich, Timo Janosch, Yuliya Javier Velarde, Benjamin Lewerenz und Katharina Tretsiachenka

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s