Geld allein ist nicht alles

Engagierte Kinder und Jugendliche auf ihrem Weg zu unterstützen – das ist das Ziel der Roland Berger Stiftung. Wie sie das tut? Mit einem individuellen Förderprogramm.

Sie steht auf, dreht sich um, blickt auf den Schreibtisch. Ihre Hand greift nach der obersten Visitenkarte auf dem Tisch. Die Bewegungen sind fließend. Routiniert. Professionell. Diszipliniert. Sie trägt ein Businesskostüm, Schuhe mit Absatz. Lächelnd wendet sie sich wieder ihrem Gegenüber zu. Regina Pötke – steht auf der Karte – Vorstand der Roland Berger Stiftung.

Die Roland Berger Stiftung verfolgt zwei Ziele: Sie zeichnet Personen weltweit aus, die sich um die Menschenwürde verdient gemacht haben, und kümmert sich um Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien, um ihnen zur bestmöglichen Ausbildung zu verhelfen. Sie richtet sich an Kinder und Jugendliche, die bereit sind, Zeit und Engagement in ihre persönliche, aber auch die gesamtgesellschaftliche Entwicklung zu stecken. Nicht alle Stipendiaten sind gleichermaßen begabt, nicht jeder Stipendiat hat einen Migrationshintergrund, aber alle haben eine Geschichte. Jeder Stipendiat ist etwas Besonderes. Was die Roland Berger Stipendiaten einzigartig macht, sind die breite Interessenfächerung, die enorme Motivation und das gemeinsame Ziel, die Schule mit der allgemeinen Hochschulreife zu verlassen. Roland Berger Stipendiaten wollen etwas bewegen. Deshalb werden sie von der Stiftung bis zum Abitur begleitet, unterstützt und gefördert. Seit dem Überreichen der Stiftungsurkunde im März 2008 ist viel geschehen. Inzwischen hat die Roland Berger Stiftung 500 Kinder und Jugendliche in ihr Deutsches Schülerstipendium aufgenommen.

Nationalen und internationalen Studien zufolge geschieht in Deutschland immer noch zu wenig, um Chancengleichheit zu schaffen. Familiärer, sozialer und finanzieller Hintergrund haben hier nach wie vor zu großen Einfluss auf die persönliche und berufliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Doch was tut der Staat dagegen? Kommunale Einrichtungen wie Übermittagsbetreuungen oder Nachhilfeprojekte decken oft nur einen Teil des Problems ab, staatliche Initiativen werden häufig nur von Legislaturperiode zu Legislaturperiode geplant und wirken damit oftmals nicht nachhaltig genug.

An dieser Stelle setzen private Stiftungen an. Es gibt Stiftungen, die spezielle Förderprogramme für Migranten anbieten, Auslandsaufenthalte fördern, oder Forschungsprojekte unterstützen. Es gibt die klassischen Studienstipendien und Stipendien für Doktoranden. Die Roland Berger Stiftung hingegen richtet sich gezielt an begabte Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligen Familien schon ab der Grundschule und bietet ihren Stipendiaten ein kontinuierliches, individuelles Förderprogramm. Aus diesem Grund lässt sich das Konzept der Stiftung nicht in die typische Begabtenförderung einordnen. Die finanzielle Unterstützung ist wichtig. Aber im Vordergrund steht die ideelle Förderung. Ziel des Stifters und der Stiftung ist es, Persönlichkeiten zu fördern, Stärken zu entwickeln und zu vermitteln, wie man mit Schwächen umgeht. „It‘s character that creates impact“ lautet der Slogan der Unternehmensberatung Roland Berger. Gleiches gilt auch für die Stiftung, deren Interesse nicht in der (Aus-)Bildung von Insel-Begabungen liegt, sonder vielmehr in der umfassenden Betreuung und Unterstützung der Stipendiaten. Das Programm der Stiftung sieht keinen festen monatlichen Betrag vor, sondern hält für jeden Stipendiaten ein jährliches Budget bereit, aus dem Seminare, Projekte und Einzelleistungen, wie beispielsweise die Übernahme der Kosten einer Studien- oder Sprachreise, finanziert werden. Zudem hat jeder Stipendiat Anspruch auf einen eigenen Laptop, um die Teilnahme am medialen Leben zu ermöglichen. Die Kinder und Jugendlichen bekommen die Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln, wertvolle Kontakte zu knüpfen und Wissen zu erlangen. Dies alles bedeutet Rückhalt und Sicherheit, aber auch Verantwortung.

Wie viel Zeit nimmt das Förderprogramm in Anspruch? Vernachlässigen die Stipendiaten aufgrund des intensiven Stipendiums andere Bereiche? „Nein“, erwidert Benjamin, ohne lange zu überlegen. Er ist einer der bundesweit 500 Stipendiaten. Auch Katharina fühlt sich nicht überfordert. „Die Seminare sind gut verteilt“, betont die Schülerin aus Nordrhein-Westfalen.

In der noch kurzen Stiftungsgeschichte kann die Roland Berger Stiftung bereits auf große Erfolge zurückblicken. Doch es gibt noch einiges zu tun: Manche Stipendiaten sind zum Beispiel am Anfang noch unsicher, wie sie in der Schule auftreten sollen. Seminare zur Selbstwirksamkeit sind deshalb ein wichtiger Bestandteil des Stipendiums, das die Kinder und Jugendlichen in insgesamt zehn Lernbereichen unterstützt.

Für die Zukunft wünscht sich Regina Pötke, dass die Stipendiaten mit Migrationshintergrund sich besser im deutschen Schulsystem und in der deutschen Sprache zurechtfinden, um ihre Talente voll entfalten zu können. Umgekehrt sollen deutsche Kinder lernen, offen und respektvoll mit anderen Kulturen umzugehen, „denn dann wird es viele Probleme in unserer Gesellschaft nicht mehr geben und Ressourcen können dafür verwendet werden, worauf es eigentlich ankommt: Alle Kinder gleichermaßen für die Zukunft zu stärken, unabhängig von Hautfarbe, Nationalität und Sprache, und sicherzustellen, dass sie die Chancen bekommen, die sie verdienen“. Das Deutsche Schülerstipendium der Roland Berger Stiftung soll ein Vorbild für andere Institutionen werden und möglichst viele Nachahmer finden.

Stiftungen können in Deutschland Impulse geben und für eine nachhaltige gesellschaftliche Veränderung sorgen. Um die Effizienz des Programms sicherzustellen, wird die Roland Berger Stiftung durch eine wissenschaftliche Begleitung evaluiert. Dadurch können Erkenntnisse aus der Bildungs- und Entwicklungsforschung später auch im öffentlichen Bereich angewendet werden.

Zurück im Obergeschoss der Münchener Highlight Towers, dem Sitz der Roland Berger Stiftung. Der Stahl des Gebäudes glänzt, das Sonnenlicht spiegelt sich in den Glasfronten 146 Meter über der Erde. Die Stiftung will hoch hinaus. In vier Bundesländern begann das Programm, seither sind in Kooperation mit der Deutschen Bank und einigen anderen fördernden Unternehmen, Stiftungen und Privatpersonen weitere hinzugekommen. Inzwischen bietet die Roland Berger Stiftung das Deutsche Schülerstipendium bundesweit an. Aber damit nicht genug. „Wenn es nach uns geht, sollen es noch sehr viel mehr Stipendiaten werden“, sagt Regina Pötke. Darum ist sie auch ständig in ganz Deutschland unterwegs, um das Stipendium bei potenziellen Förderern vorzustellen und weitere Unterstützer zu gewinnen.

Der Stapel Visitenkarten auf Frau Pötkes Schreibtisch ist groß. Nicht mehr lange.

von Aylin Bahcekapili, Amna Franzke, Samira Al Omari

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