„Syrien hat heute der Welt gezeigt, wie man unter Beschuss träumen, singen und tanzen kann.“

Das Internet – der Auslöser des „arabischen Frühlings“?

Die Preisverleihung des Roland Berger Preises für Menschenwürde 2011. Ein riesiger Saal. Stille. Alle Gäste blicken auf die Leinwand. Eine Leinwand? Richtig, denn der Preisträger Mazen Darwish, ein syrischer Journalist, der für Meinungs- und Pressefreiheit kämpft, darf bei der Preisverleihung in Berlin nicht anwesend sein. Das syrische Regime hat ihm die Reisefreiheit genommen.

Doch trotzdem spricht er zu den Gästen – per Skype. Das Publikum blickt auf sein riesiges, verpixeltes und verzerrtes Gesicht. Es lauscht seinen Worten, die mit einigen Sekunden Verzögerung aus den Lautsprechern dröhnen. Sehr schwer zu verstehen ist er. Die Dolmetscherin muss ihr bestes geben. Mazen Darwish spricht seinen Dank für den Preis aus. Er berichtet live aus Syrien – per Skype. Nur durch Skype kann er kommunizieren. Er hat versucht, ein Video zu schicken, aber es wurde abgefangen. Auch seiner Mutter (auf dem Foto links), die für ihn den Preis entgegen nimmt, konnte er keine digitale Nachricht mitgeben. Zu groß wäre die Gefahr am Zoll gewesen. Aber durch Skype spricht er, spricht von der arabischen Revolution, spricht von den Aufständen, die zeitgleich vor seiner Wohnungstür ablaufen. Durch Skype wird es möglich. War es aber auch Skype, das den „arabischen Frühling“ ermöglicht hat? Waren es die sozialen Netzwerke facebook und twitter? War es das Internet?

„Das Internet dient lediglich als Mittel, um den Widerstand auf der Straße zu organisieren, aber es ist nicht anzusehen als eine Alternative zu dem, was auf der Straße passiert.“, sagt der andere männliche Preisträger, Gamal Eid (Auf dem Foto 2.v.l.). Er ist der Gründer des  “Arabic Network For Human Rights Information“ und lebt in Kairo. Sicher, meint er, Internetarbeit mache bei seiner Organisation bestimmt 90% aus, aber das heiße nicht, dass der „arabische Frühling“ ohne soziale Netzwerke wie facebook und twitter nicht möglich gewesen wäre. Seine tunesische „Freundin Radhia“ (Auf dem Foto 2.v.r.) argumentiert ähnlich: „An dem Ort, von dem die „arabische Revolution“ ausging, hatten die Menschen gar keinen Internetzugang.“ Sie ist die dritte Preisträgerin des Roland Berger Preises für Menschenwürde  2011 und sie ist nicht der Meinung, dass die Revolution in Tunesien ausschließlich eine Revolution der Internetjugend war. Die Zahl der Menschen, die einen Aufstand anstrebten, sei langsam angewachsen und es wäre auch ohne Internet zu Aufständen gekommen.

Dennoch sind  twitter und facebook  Möglichkeiten der Kommunikation, die selbst von einem totalitären Regime nicht kontrolliert werden können. Sei es in Syrien, sei es in Ägypten oder sei es in Tunesien. Das Internet unterstützt diejenigen, die zu ihrer Meinung stehen. Es unterstützt diejenigen, die ihre Meinung frei äußern wollen. Viele Organisationen, die zu den Aufständen beitragen, basieren auf dem Internet.  Das Internet gibt Macht. Es hilft, Demonstrationen zu organisieren. Es hilft, den Zusammenhalt der Aufständischen zu stärken.

Doch letztendlich findet die Revolution auf der Straße statt. Was wäre das Internet ohne den Mut all der  Menschen, die vor  Mazen Darwishs Haustür gerade ihr Leben riskieren? Was wäre das Internet ohne den Willen der Unterdrückten, endlich etwas am System zu ändern? Was wäre das Internet ohne die Überzeugung des Volkes, dass es ein Recht auf Würde hat? Denn für Menschenwürde setzt es sich ein. Vor allem Darwish, der Preisträger, der seinen Preis für Menschenwürde nicht persönlich entgegennehmen darf. Aber auch er bekommt seinen Applaus – per Skype. Einen Applaus, der über das Internet nach Damaskus gesendet wird. Einen Applaus, der auf dem ernsten Gesicht des Preisträgers ein kurzes Lächeln erscheinen lässt- aber nur ein ganz kurzes.

Text: Julius Kittler

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