„Peoples Power“

„Das Ziel des Lebens ist Selbstentfaltung. Seine eigene Natur vollkommen zu verwirklichen – dafür ist jeder von uns da.“ Das sagte schon Oscar Wilde. Ganz einfach eigentlich, oder? Nun ja, trotzdem scheint es heutzutage ein paar Probleme mit der Definition des Begriffes Selbstentfaltung zu geben.

Der arabische Frühling ist ausgebrochen. Seit Dezember 2010 verbreitet sich ausgehend von Tunesien eine Welle des Aufstandes. Die Bürger begehren gegen die autoritären Regime auf, sie fordern Mitsprache, Transparenz, Rechte – ihre Selbstentfaltung. In Ägypten kam es zum Machtwechsel, die Mubarak-Diktatur wurde gestürzt. Ein erster Hoffnungsschimmer, der sich verbreitete, unter anderem nach Libyen und Syrien. Und nun? Jetzt herrscht das Militär in Ägypten. Und auf dem Tahir-Platz versammeln sich erneut Demonstranten.  Erneut kommt es zu Verfolgung, Gerichtsverfahren und Toten. Selbstentfaltung scheint also doch nicht ganz so einfach zu sein.  Wieso bloß?

Dann befragen wir doch einfach mal das Internet: Was ist überhaupt Selbstentfaltung? Selbstentfaltung bedeutet „die Entfaltung meiner individuellen Möglichkeiten, in dem Sinne, dass die Selbstentfaltung aller die unmittelbare Bedingung  meiner Selbstentfaltung ist“. (http://de.wiki.oekonux.org)

Na, dann ist ja jetzt alles klar! Kein Wunder, dass die Veränderungen ein bisschen Zeit brauchen. Professor Volker Perthes nennt es „historische Geduld“. Der Politikwissenschaftler nahm im Rahmen der Verleihung des Roland Berger Preises für Menschenwürde 2011 am 1. Berliner Menschenwürdeforum teil. Auch dort wurde die Frage diskutiert, ob der Jubel über den arabischen Frühling zu früh sei. Rückfälle könne es immer geben, war die eine Devise. Denn die Denkmuster einer Gesellschaft seien tief verankert. Allerdings sind wir laut Perthes auch erst in der „ersten Minute einer historischen Stunde“. Es wird möglicherweise noch seine Zeit dauern, bis die Lage sich stabilisiert.

Eine ähnliche Entwicklung fand auch in Deutschland statt. Die Revolution 1848/49 hat ihre Zeit gebraucht, um sich auf unser System auszuwirken. Und heute stehen sogar einige Artikel der damaligen Verfassung in unserem Grundgesetz. Es besteht also auf jeden Fall noch Hoffnung für die Revolutionäre. Das findet auch der Generalsekretär der Organisation „Reporter ohne Grenzen“, Jean-Francois Julliard.

„We have to trust in people.“ Leidenschaftlich vertritt er die Aufständler und fordert Vertrauen in sie. Natürlich wird eine Demokratie nicht alle Missstände auslöschen. Das Problem der Arbeitslosigkeit wird nach wie vor bestehen, und doch ist erstmals die Grundlage für eine langfristige Verbesserung der allgemeinen Situation gelegt. Dabei fällt auch der Begriff „peoples power“. Ein Staat steht und fällt mit seiner Bevölkerung, das hat die arabische Welt erkannt. Das Volk hat seine Macht erkannt. Und erst nach dem Bewusstsein für sich selbst kann die Entfaltung von sich selbst erfolgen. Das ist das ganze Geheimnis.

Text: Susannah Reins

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