„Ich habe keinen Dank erwartet“

Radhia Nasraoui wurde mit dem Roland Berger Preis für Menschenwürde ausgezeichnet. Ein Portrait der Anwältin aus Tunesien.

Radhia Nasraoui befindet sich gerade in einem Konferenzraum der Bundespresse-konferenz. Sie sitzt selbstbewusst auf dem Podium und trägt eine Kurzhaarfrisur, einen schicken, schwarzen Damenanzug und beobachtet mit ihren dominanten Augen ihr Publikum, welches aus Journalisten und Fotografen besteht. Das ist Radhia Nasraoui, die als einer der Gewinner des Roland Berger Preises für Menschenwürde gekürt wurde.

Von Tunesien ist sie hier nach Berlin angereist. Mit ihren 58 Jahren ist sie die bekannteste Rechtsanwältin ihres Landes. Für das, wofür sie sich seit mehr als 30 Jahren einsetzt, und zwar für die Menschenrechte in ihrem Land, musste sie viel auf sich nehmen. Hungerstreik, brutale Angriffe von Polizisten oder die Hinderung an ihrer Arbeit als Rechtsanwältin gehören zum Beispiel dazu.
Szenenwechsel: Tunesien. Dr. Tobias Raffel, Vorstandsmitglied der Roland Berger Stiftung sitzt mit Radhia Nasraoui in einem Café der Innenstadt von Tunis. Radhia Nasraoui erzählt gemütlich auf ihren Stuhl zurückgelehnt, dass sie nicht ordnungsgemäß in ihrem Beruf arbeiten konnte, dass sie nur wegen ihrem Beruf inhaftiert wurde, da sie bei einer Verteidigung eines politischen Prozesses mitwirkte.
Dann zeigt Radhia Nasraoui die Orte, die sie mit der Revolution in Tunesien in Verbindung bringt. Darunter das Innenministerium, wo Demos abgehalten wurden, das Gerichtsgebäude, in dem sich für Menschenwürde eingesetzt wurde und das Gefängnis, wo Radhia Nasraoui inhaftiert wurde, welches aber schon wieder abgerissen ist.

Bereits vor mehr als 30 Jahren während ihres Jura-Studiums, setzte sie sich während ihres Praktikums bei einer Anwaltskanzlei für die Studenten ein, die 1976 bei der niedergeschlagenen Protestbewegung dabei waren. Sie überzeugte die Anwaltskanzlei davon, sie gegen den damaligen Präsidenten Bourguiba zu verteidigen. Heute ist sie mit Hamma Hammami, einer Führungsperson der kommunistischen Partei Tunesien, verheiratet und hat drei Kinder.

Einer ihrer Kinder war in Berlin zur Pressekonferenz mitangereist. Eine brennend interessante Frage war, wie sie mit dem Druck und der Gefahr, der sie ausgesetzt war, die durch die Beschattung verursacht wurde, umgegangen ist. Sie empfand dieses Leben als normal, da sie in Tunesien geboren ist und nichts anderes kannte. Aber als sie nach Frankreich kam, merkte sie, dass es doch schon Unterschiede in den Lebenssituationen gab, und sie sich bewusst wurde, dass sie kein normales Leben bis jetzt führte und im Gegensatz zu anderen Leuten in ihrem Alter sehr eingeschränkt war. Sie führte nach dieser Erkenntnis ihr Studium in Ingenieur-Wissenschaften in Frankreich fort. Freunde in Tunesien, die immer hinter ihr standen, hatte sie auch. Noch heute hält sie den Kontakt zu ihnen. Das zeigt wieder, was die Familie von Radhia Nasraoui im Kampf für die Menschenwürde ertragen musste.

Deshalb ist es offensichtlich, warum Radhia Nasraoui zu den diesjährigen Preisträgern gehört. Sie verdient diesen Preis für ihren Mut, ihre Gründung der Organisation „Assoction de Lutte contre la Torture en Tunisie“ (Vereinigung zum Kampf gegen die Folter in Tunesien, ALTT), ihren entscheidenden Beitrag zum Gelingen des „arabischen Frühlings“ und zum Schutz der Menschenwürde.

Radhia Nasraoui selbst hatte zuvor nicht ahnen können, dass ihre guten Taten sich so weit ausbreiten würden. „Ich habe keinen Dank erwartet. Ich habe das alles aus Pflichtbewusstsein getan.“

Text: Mine Aktas

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