„Es gibt kein Gefängnis, das groß genug ist, um die Freiheit des Wortes einzupferchen“

Mazen Darwish, ein Porträt des Roland Berger Preisträgers für Menschenwürde 2011

„Als er 13 Jahre alt war, da hatte er eine andere Meinung als der Lehrer. Deshalb hat er zwei Tage lang beim Geheimdienst der Luftwache verbracht. Täglich hat er erlebt, wie die Israelis Unterdrückung praktiziert haben, wie Bäuche aufgeschlitzt wurden. Er hat die ganze Bandbreite an grausamer Unterdrückung erlebt.“ Mazen Darwish, syrischer Journalist, 37. Auf einem Porträtfoto hat er kurze schwarze Haare, ein leichtes Doppelkinn, volle Wangen und ein breites, herzliches  Lächeln. Das soll Mazen Darwish sein? Dem Bericht seiner Mutter nach hätte man ihn sich anders vorgestellt.

Mysteriös. Er darf bei der Verleihung des Roland Berger Preises für Menschenwürde nicht anwesend sein. Man weiß nur von ihm, was seine Assistentin und seine Mutter erzählen. Und selbst die können nur wenige Informationen geben. Seine Mitarbeiterin teilt allen anwesenden Journalisten gleich zu Beginn  der Presseversammlung entschuldigend mit: „Ich muss leider sagen, dass ich mich keinesfalls qualifiziert fühle, an Stelle von Herrn Darwish zu sprechen.“

Sie wirkt unsicher und verletzlich, so als hätte sie eine Menge Schmerzen in ihrem Leben ertragen müssen.  Ähnlich wirkt die Mutter des Preisträgers. Sie ist die kleinste der Gäste. Erzählt schüchtern, nach Worten suchend von ihrem Sohn und spielt ununterbrochen an ihren Fingernägeln herum. Ein Zeichen dafür, mit welchen Mitteln der syrische Staat die Bevölkerung kontrolliert. Einschüchterung. Einschränkung der Freiheit und vor allem: Verletzung der Menschenwürde.

Laut dem Bericht seiner Assistentin wurde der syrische  Journalist und Menschenrechtler Mazen Darwish mehrfach verhaftet, vor dem Innenministerium zusammengeschlagen und seiner Reisefreiheit beraubt. Dennoch gibt er nicht auf, informiert weiterhin ausländische Medien über die Geschehnisse in Syrien und gilt als eine der wenigen glaubhaften Informationsquellen. Wegen dieses unermüdlichen Einsatzes für die Meinungs- und Pressefreiheit in Syrien wurde er daher nun mit dem Roland Berger Preis für Menschenwürde ausgezeichnet.

Leider lässt ihn das syrische Regime jedoch nicht das Land verlassen, um diesen Preis entgegenzunehmen. Das Video, das er für die Presseversammlung gedreht hat, wurde vom Staat blockiert und einen USB- Stick mit dem Film konnte er seinen Vertretern nicht mitgeben, aus Angst, sie damit in zu große Gefahr zu bringen. Es war den Vertretern des Roland Berger Preises für Menschenwürde nicht einmal möglich, ihn in Syrien zu besuchen. Zu viele Feinde hat er sich dort gemacht – unter anderem, weil er  das „Syrian Center for Media and Freedom of Expression“ gegründet hat, weil er den „arabischen Frühling“ unterstützt und weil er die Menschenwürde vorantreibt.

Doch der Staatsfeind Syriens lässt sich von der syrischen Regierung nichts vorschreiben und steht zu seiner Meinung. Bei seinem letzten Auslandsaufenthalt  stellte er daher klar: „Es gibt kein Gefängnis, das groß genug ist, um die Freiheit des Wortes einzupferchen.“ Sein Name ist Mazen Darwish und man kommt nicht umhin, ihn sich weiterhin als dreizehnjährigen Jungen vorzustellen, der zwei Tage lang beim Geheimdienst der Luftwache verbringen muss, nur weil er eine andere Meinung als sein Lehrer hat – und nur, weil er den Mut hat, diese zu äußern.

Text: Julius Kittler

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